Aufklärung im Jahr 2016

An der Uni Göttingen gibt es derzeit eine Ringvorlesung mit dem Titel „Aufklärung 2.0“. Ein Vortrag in dieser Reihe wurde von der Wirtschaftswissenschaftlerin Isabel Schnabel gehalten: „Aufklärung über die wirtschaftliche Lage“ lautete dessen Titel. Ich habe diesen Vortrag nicht gehört und beziehe mich mit meinen Anmerkungen im Folgenden nur auf die Darstellung im Göttinger Tageblatt.

Was versteht Frau Schnabel unter Aufklärung? Laut Berichterstattung offenbar das Herunterbeten von Kennziffern zur deutschen Wirtschaft und zum Staatshaushalt, bebildert z. B. mit „Diagrammen, die den Arbeitsmarkt und das Zinsniveau anschaulich darstellen. … Es ergibt sich … ein umfassendes Bild der wirtschaftlichen Lage in Deutschland und der Europäischen Union.“ Ein solches Zahlenwerk ist allenfalls korrekt, aber nicht aufklärerisch. Denn wir erfahren damit gar nichts über die Mittel, die die deutsche Wirtschaft einsetzt, und über die Zwecke, die diese damit verfolgt.

Eine solche Aufklärung ist von Frau Schnabel aber offenbar auch gar nicht beabsichtigt. Denn als Gutachterin in Wirtschaftsfragen unterstellt sie die Gültigkeit der Mittel und Zwecke des hiesigen Wirtschaftens und empfiehlt davon ausgehend der Regierung eine „Politik, die sich ein konstantes Wirtschaftswachstum zum Ziel setzt, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu bewahren.“

Die Stichworte Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit aber werfen Fragen auf, die durchaus Aufklärung verdient hätten. Warum eigentlich soll die Wirtschaft permanent wachsen? Warum hat der Staat ein Interesse an einem konstanten Wachstum seiner Wirtschaft? Jeder weiß irgendwie: Ohne Wachstum ist Krise, nur mit Wachstum gibt es Arbeit und Lohn, bleiben Renten und Gesundheit bezahlbar. So absurd ist der Kapitalismus: Das Leben der ganzen Gesellschaft hängt vom permanenten Wachstum der Wirtschaft ab. Alles, was im Jahr produziert und verkauft wird, verfehlt sein Ziel, wenn es nicht mehr ist als im Jahr zuvor. Dabei kann niemand sagen, was eigentlich fehlte, wenn nur genau so viel wie im letzten Jahr produziert und konsumiert werden würde. Ob ein Bedarf nach mehr Computern, Autos, Fernsehern usw. besteht, ist sehr zweifelhaft. Es geht eben nicht um einen bestimmten Mangel und dessen Überwindung, wenn es um Wachstum geht. Umgekehrt kann in einer Gesellschaft, die Wachstum zum obersten Ziel der Wirtschaft erklärt, niemand damit ankommen, dass bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Da kommt es immer sehr darauf an, um was für Bedürfnisse es sich handelt. Eine bessere personelle Ausstattung des Gesundheitswesens zählt z. B. nicht dazu, denn die verursacht Kosten und ist damit ein Abzug vom Wachstum. Also: Was ist es eigentlich, was da immerzu wachsen soll?

Und was unterstellt eigentlich „Wettbewerbsfähigkeit des Landes“? Das heißt doch offensichtlich, dass die deutsche Wirtschaft in der Lage sein soll, sich gegen Konkurrenten immer größere Teile des Weltmarkts zu erobern. Und warum hat der Staat auch daran Interesse? Und ist das eigentlich für die Leute bekömmlich, deren Arbeitskraft zur Produktion der für die Eroberung des Weltmarkts nötigen Waren herangezogen wird? Das wären so Fragen, deren Beantwortung zur „Aufklärung“ beitragen würde.

Laut Frau Schnabel ist Wachstum vor allem dazu gut, einen immer größeren „Kuchen“ herzustellen, der verteilt werden soll. Da ist zu fragen: Seit wann gibt es hier ein solches wirtschaftliches Gemeinschaftswerk? Denn dafür steht ja das Bild vom Kuchen. Ist es nicht vielmehr so, dass hier lauter Privateigentümer mit den von ihnen produzierten Waren um die Aneignung des Reichtums konkurrieren? Der Gewinn ist des einen ist dabei notwendig der Schaden des anderen. Und wie viel Lohn ein Prolet erhält und ob er überhaupt einen erhält, ergibt sich ganz nach Maßgabe der Rentabilitätskalkulation, die die „Arbeitgeber“ mit ihm anstellen.

Also von wegen Aufklärung – nichts als Ideologie hatte Frau Schnabel zu bieten.


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