Der Krieg als Feld der Sittlichkeit

Der „eingebettete Journalist“ Sebastian Junger hat ein Buch über den Krieg in Afghanistan geschrieben, das von Presse und Öffentlichkeit in Deutschland weithin begeistert aufgenommen wurde. Junger dokumentiert darin äußerst detailreich und wirklichkeitsgetreu den Alltag der Soldaten und das Kriegsgeschehen aus der Perspektive der kämpfenden Truppe. Gelobt wird Junger ausgerechnet dafür, dass er kein Antikriegsbuch geschrieben hat, sondern dass er eine „Wahrheit“ ausspricht, „die man sich kaum einzugestehen wagt“: dass der Krieg auch faszinierend sein kann. Stellvertretend für viele Besprechungen soll hier an der Rezension von R. Meyer-Arlt vom 5.1.2011 erklärt werden, wie Staatsbürger zu einem solchen Urteil gelangen.

„Sebastian Junger gelingt es zu erklären, warum junge Männer das tun, was sie tun. Es ist nicht irgendeine Einsicht in irgendeine Notwendigkeit, es ist nicht der Stolz, fürs Vaterland seine Gesundheit oder sein Leben zu geben. Dem einzelnen Soldaten geht es nicht um die Nation, nicht um eine Idee, sondern allein um die Gruppe, der er angehört. Der Platoon ist wichtig. Die Einheit zählt. Die Gruppenzusammengehörigkeit ist extrem. Jeder würde für jeden sofort sein Leben riskieren.“ (Meyer-Arlt)

Die nahe liegende Überlegung, dass es vielleicht doch ein Fehler ist, sich aufzuopfern egal ob für das Vaterland oder für die militärische Einheit, kommt Meyer-Arlt nicht. Nach Jungers und offenbar auch Meyer-Arlts Meinung kommen im Bewusstsein der Soldaten Ausgangspunkt und Grund des Krieges – ein Staat(enbündnis) versucht mit militärischer Gewalt, den feindlichen Willen eines anderen Staates zu brechen bzw. im Falle Afghanistans zu verhindern, dass das Land ein „Rückzugsraum von Terroristen“ wird – einfach gar nicht vor. Die Soldaten gehen in dieser Lage, in die sie nun mal gestellt sind, voll auf, weil sie es für das Überleben ihrer Einheit müssen. Noch nicht einmal in dieser Situation also sind sie egoistisch nur darauf bedacht, ihre eigene Haut zu retten, sondern alle stehen für ihre Gruppe ein. („Als Soldat fürchtet man nichts mehr, als die Brüder (!) im Stich zu lassen, wenn sie einen brauchten, und damit verglichen war das Sterben leicht. Das Sterben ging vorüber, die Feigheit blieb für immer.“ – S. Junger, zit. n. Meyer-Arlt). Der banale und brutale Zweck des Kriegs, das Niedermachen der Feinde, wird so durch den Beweggrund der Soldaten geadelt: Die Soldaten kämpfen und opfern sich für ihre Ehre – so geht die moralisierende und psychologisierende Deutung des Schlachtfelds als Feld der Ehre bei Junger/Meyer-Arlt. Durch ihre gegen sich (und natürlich gegen den Feind) rücksichtslose Pflichterfüllung legen die Soldaten Ehre für sich ein. Ihr Antrieb ist nicht nur, den von außen – zunächst einmal von ihrer Einheit und ihren Befehlsgebern, aber dann auch von der Gesellschaft – an sie gestellten Erwartungen zu genügen, sondern auch ihrem Ideal von sich als moralisch hochstehendes Individuum zu entsprechen.

Genauso wünscht sich der Staat seine kämpfende Truppe: Unter den Zwang gesetzt, sich zu behaupten und den Feind niederzumachen, gehorchen alle ihre Mitglieder aus freien Stücken zugleich und zuerst einem sich selbst gesetzten moralischen Zwang, der unmittelbar gar nichts mit den militärischen Zwecken zu tun hat, aber sich dafür wunderbar instrumentalisieren lässt. Ebenso wie die Normalbürger im bürgerlichen Leben auch übersetzen sich die Soldaten die ihnen auferlegten Zwänge in Pflichten gegenüber ihren eigenen Prinzipien. (Klammer auf: Natürlich verlässt sich der Staat nicht nur auf diesen moralischen Antrieb. Den immer wieder auftretenden Pflichtverletzungen begegnet er mit der Keule des Rechts. Befehlsverweigerung und andere Delikte werden bestraft. Klammer zu)

Aus dieser Perspektive werden der Soldatenalltag und das Kriegsgeschehen „faszinierend“: Junger/Meyer-Arlt sind keine Militaristen, sie sind auch keine Waffennarren. Die Kriegsatmosphäre, die technischen Details der eingesetzten Waffen sind für sie nur interessant, weil es die Bedingungen und die Mittel sind, unter denen bzw. mit denen die Soldaten ihre Ehre behaupten. Die Härte dieser Bedingungen unterstreicht in ihren Augen nochmal die ungeheure moralische Leistung der Soldaten.

Aber spricht nicht die bis zur letzten tödlichen Konsequenz gelebte Moral nur gegen diese?


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