Öko-Idealismus

In bestimmten Regionen Kanadas wird Erdöl aus Ölsand gewonnen. Die abbaubaren Ölvorräte im Sand werden auf 174 Mrd. Barrel geschätzt. Damit verfügt Kanada nach Saudi-Arabien über die zweitgrößten Ölreserven der Welt. Bei steigenden Ölpreisen wird der Abbau dieses Öls immer profitabler. Für Umweltschützer ist die Ölsandindustrie ein Beispiel für umweltzerstörende Energiegewinnung. Ihre Kritik richtet sich gegen den Kohlendioxidausstoß, den Frischwasserverbrauch, die Waldzerstörung und die Verseuchung ganzer Landstriche durch giftige Abwässer bei dieser Art der Ölgewinnung. Sie werfen der Industrie insbesondere vor, die zur Gewinnung des Öls nötige Energie u.a. durch das Verbrennen von umweltschonenderem Erdgas zu erzeugen und dadurch die CO2-Emissionen „unnötig“ zu erhöhen. Die Ölsandindustrie erzeuge dreimal mehr Treibhausgase als die konventionelle Ölförderung; sie rechne sich „nur deshalb“, weil der Ölpreis hoch sei und die Schäden für die Allgemeinheit nicht berücksichtigt würden. (Polemisch könnte ich jetzt fragen: Ab wie viel Umweltzerstörung, wie viel Toten usw. geht denn die Rechnung für euch Umweltschützer auf?)

Das „nur deshalb“ ist seltsam. Eigentlich ist doch alles beisammen für eine ordentliche Kritik an diesem kapitalistischen Geschäft: Das Kapital setzt alle für einen Prozess benötigten Ressourcen und Mittel – Erdgas, Wasser, Luft, Boden, Produktionsanlagen, nicht zuletzt die Arbeit – ein, weil und damit ein Geldgewinn erwirtschaftet wird. Die Mittel und Ressourcen kommen in der Rechnung des Kapitals, auf die es ihm ankommt, nämlich das vorgeschossene Kapital zu vergrößern, als Geldgrößen vor. Nur so rechnet das Kapital und nimmt wegen dieser Rechnungsweise keine Rücksicht auf Natur und Gesundheit – übrigens auch nicht auf die Gesundheit der für diesen Zweck Arbeitenden. Wer jetzt sagt, ein kapitalistischer Produktionsprozess rechne sich „nur deshalb, weil Schäden für die Allgemeinheit nicht in die wirtschaftliche Betrachtung einbezogen werden“, hat einerseits schon abgehakt, dass das Kapital „natürlich“ Gewinne erwirtschaften muss, hält die Rechnungsweise des Kapitals also für völlig normal, möchte aber ebendiesem so rechnenden Kapital andererseits den Auftrag erteilen, die Gewinnerwirtschaftung doch bitte unter Rücksichtnahme auf Natur und Gesundheit abzuwickeln. Das ist ein unmöglicher Spagat.

Liebe Ökos, entscheidet euch doch mal richtig: Erklärt doch mal dem Kapital eure Feindschaft – Gründe dafür habt ihr genug –, anstatt das Kapital im Namen „der Allgemeinheit“ an seinen angeblich eigentlichen Auftrag zu erinnern. Wegen dieses Idealismus wendet ihr euch ja auch immer an den Staat, der mit seiner Gewalt – wieder: eigentlich – dafür sorgen soll, dass die Allgemeinheit nicht zu Schaden kommt. Dabei ist es gerade der Staat, der seiner Gesellschaft den Auftrag erteilt, mit dem von ihm garantierten und in die Welt gesetzten Geschäftsmittel Geld Gewinne zu machen. Der wäre also ebenfalls eine Adresse für eure Feindschaft.


Empfehlungen