Lehrstück für Solidarität

Ein Sägewerk in A. gerät in „wirtschaftliche Schwierigkeiten“ und zahlt seinen Arbeitern und Angestellten über mehrere Jahre Teile ihres Lohns (Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld) nicht mehr. Für ein Unternehmen gehört die Streichung des Lebensunterhalts seiner vielgeschätzten „Mitarbeiter“ bei Eintreten von Zahlungsunfähigkeit offenbar zu den ersten Maßnahmen, die es ins Auge fasst. Dies entspricht auch der sonst üblichen Behandlung des Lohns als für den Gewinn möglichst knapp zu bemessendem Kostenfaktor, obwohl der Lohn und die damit eingekaufte Arbeit(skraft) für den Gewinn unentbehrlich sind. Dieser Widerspruch wird vom Kapital auf folgende Weise bewältigt: 1. Durch absolute Verlängerung des Arbeitstags (zur Zeit mal wieder sehr aktuell, prominentes Beispiel VW): Mit der gleichen Summe Lohn kauft das Kapital mehr Arbeit ein, dementsprechend höher fällt auch der Gewinn aus. 2. Durch Intensivierung der Arbeit: Die Maschinen laufen einfach ein bisschen schneller, „Poren“ der Ruhe im Arbeitsprozess werden geschlossen, Pausen werden gekürzt, in der gleichen Zeit wird also mehr Arbeit geleistet, die Arbeitskosten je produzierter Produktmenge sinken, der Gewinn steigt. 3. Durch „Rationalisierung“: Durch neue Maschinerie kann in der gleichen Zeit bei Einsatz von weniger Lohnarbeitern mehr Produkt hergestellt werden. Die neue Maschinerie lohnt sich für das Kapital, wenn ihre Anschaffung weniger kostet als die eingesparten Lohnkosten. All dies ist schon jeweils für sich Grund genug für Lohnarbeiter, dem Kapital auf die Füße zu treten und darauf zu bestehen, dass sich die Arbeit für sie lohnt.

Insofern ist es schon eine ziemliche Verdrehung, wenn die Arbeiter und ihre Gewerkschaft sagen, sie hätten das ihnen zustehende Weihnachts- und Urlaubsgeld gestundet. Dann tun sie ja glatt so, als gäbe es eine Einigkeit mit „ihrem“ netten Betrieb, als zögen sie und „ihr“ Betrieb in puncto Lebensunterhalt der Arbeiter und Angestellten an einem gemeinsamen Strang. Aus dem oben dargelegten Grund – der Lohn ist für den Gewinn gering zu haltender Kostenfaktor – ist das eine Fehleinschätzung, wie auch der weitere Verlauf der Auseinandersetzung zeigt. Denn das Unternehmen ist zwar durch einen anderen Kapitalisten wieder zahlungsfähig gemacht worden, zahlt den Arbeitern und Angestellten freiwillig jedoch keinen Cent des „gestundeten“ Geldes. (Forderungen anderer Unternehmen und von Banken werden bedient, denn deren Gewinnrechnungen dürfen nicht beschädigt werden.) Den Lohnabhängigen geht es ja bloß um ihren Lebensunterhalt, sie müssen ihre Ansprüche vor Gericht geltend machen. An einer dritten Instanz, dem staatlich gesetzten Recht, muss sich also die Rechtmäßigkeit der Ansprüche der Arbeiter erst noch bewähren, sie sind den Lohnabhängigen damit auch von Seiten des Staats aus der Hand genommen. Da ist es dann sehr fraglich, ob das Recht im jeweiligen Fall zum Mittel der Lohnabhängigen wird: Das Gericht stellt ganz unparteiisch fest, dass die Forderungen der 126 Arbeiter wegen einer Klausel im Tarifvertrag zum größten Teil verjährt sind, sie deshalb nur durchschnittlich 1100 Euro erhalten, die 12 Angestellten hingegen Anspruch auf bis zu 15.000 Euro haben.

Jürgen Gückel kommentiert dies im Göttinger Tageblatt unter dem Titel „Lehrstück für Solidarität“ folgendermaßen:

„Ihre Solidarität mit ihrem Arbeitgeber und ihr Entgegenkommen, zur Rettung der Firma über Jahre still-zuhalten, bis es wirtschaftlich besser geht, zahlen die Arbeiter unter den früheren Kühne-Kollegen jetzt mit 90 Prozent des einst nur gestundet geglaubten Urlaubs- und Weihnachtsgeldes.“ (GT, 21.4.07)

Aber dass diese „Solidarität“ ein schwerer Fehler ist, will er den Arbeitern nicht vorwerfen. Er ist auf eine moralische Botschaft – Lehrstück(!) für Solidarität – ganz anderer Art aus:

„So würde nach kompliziertem Rechtsstreit für viele Arbeiter nicht einmal das heraus kommen, was an Prozesskosten zu zahlen ist. Nur gut, dass die meisten von ihnen gewerkschaftliche Solidarität durch den Rechtsschutz der IG Metall genießen. Hier(!) beweist sich, wie wichtig Gewerkschaften auch heute noch sind. Wahre Solidarität wäre es, wenn die Angestellten, die durch die Tücke unterschiedlicher Verträge unverdient zehnfach besser gestellt sind, ihrerseits solidarisch wären und alles in einen Topf gezahlt und gerecht aufgeteilt würde. Aber daran zu glauben, wäre wohl Utopie.“ (GT, 21.4.07)

Solidarität ist nach Gückel also sinnvoll, weil sie den Schaden begrenzt, der so sicher eintritt wie das Amen in der Kirche. Solidarität, die Aufhebung der Konkurrenz unter den Arbeitern zur Verfolgung eines gemeinsamen Zwecks, diente früher mal dazu, die Notwendigkeiten Lebensunterhalts der Arbeiter gegen das Kapital geltend zu machen. Gückel fordert Solidarität heute nur noch zur Verteilung des Schadens ein. Die Summe, die Kapital und Recht den Lohnabhängigen zugestehen, sollen diese untereinander gerecht aufteilen, die Schädigung durchs Kapital sollen sie durch die wechselseitige Schädigung ergänzen.

Was also sollten die Arbeiter und Angestellten im Sägewerk A. tun? 140 Leute können den Kapitalismus zwar nicht kippen, sie könnten aber sich und anderen die Einsicht klar machen, dass sie, solange sie sich als abhängige Variable des Kapitals verhalten, bis an ihr Lebensende in den Arsch gekniffen sein werden.


1 Antwort auf “Lehrstück für Solidarität”


  1. 1 Jour Fixe fällt aus! // Ideologiekritik Pingback am 27. April 2007 um 14:48 Uhr
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